
Sissi Perlinger
Gerade aus Indien zurückgekehrt, steht Sissi Perlinger (45) schon wieder auf der Bühne. In ihrem aktuellen Programm “Singledämmerung” hat sie ihre Erfahrungen der letzten Jahre verarbeitet und will den (Wirtschafts)Krisen-geschüttelten Deutschen wieder Mut machen. Mit mir hat die Künstlerin über ihre schwere Krise, autogenes Training und die Bedeutung von Märchen in schweren Zeiten wie diesen gesprochen.
Frage: Frau Perlinger, Sie verbringe den Winter seit einigen Jahren in Indien. Konnten Sie sich schon wieder einleben in Deutschland?
S. Perlinger: “Auf jeden Fall. Ich bin ja schon seit etwa drei Wochen hier. Wenn ich von Indien nach Deutschland komme, gewöhne ich mich schneller wieder ein als umgekehrt. Ich verbringe ja sehr viel Zeit außerhalb von Deutschland. Im Sommer lebe ich auf Ibiza und im Winter in Indien.”
Frage: In Deutschland haben viele Menschen seit der Wirtschaftskrise Existenzängste. Sie selbst haben in Indien sicher Menschen kennengelernt, die ganz andere Probleme haben. Können sie die Deutschen trotzdem verstehen?
S. Perlinger: “Das kann ich natürlich, aber ich würde jedem raten, sich nicht immer nur auf die Probleme zu fokusieren. Jede Krise ist auch eine Chance für einen Neuanfang.”
Frage: Diese Sichtweise ist einem 50-jährigen Opel-Mitarbeiter, der eine Familie ernähren muss, wahrscheinlich schwer zu vermitteln.
S. Perlinger: “Das ist richtig. Wenn man im Loch sitzt, sieht man kein Licht mehr. Aber das ist genau die Aufgabe von gutem Theater, den Silberstreif am Horizont sichtbar zu machen. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, dass die Menschen wieder mehr Märchen lesen. In Märchen und Mythen war es schon immer so, dass der Held durch schwere Zeiten gehen muss, um dann gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Der Held weiß, dass irgendwo ein Licht am Ende des Tunnels ist, und das macht ihn stark.”
Frage: Was Krisen betrifft, wissen Sie, wovon Sie reden. Vor ein paar Jahren ging es Ihnen nach einer Trennung gar nicht gut.
S. Perlinger: “Das stimmt. Daher weiß ich aus eigener Erfahrung, dass eine Krise auch was positives bewirken kann. Man lernt in dieser Zeit viel über sich selbst. Ich bekam damals einen Tinnitus, der mich ein Jahr lang nicht schlafen ließ. Der Auslöser dafür war nicht nur die Trennung, sondern meine berufliche Überlastung, der ganze Stress.”
Frage: Sie waren ein Workoholic?
S. Perlinger: “Zumindest hatte ich mir eine fünffache Belastung selbst eingebrockt. Ich habe Filme gedreht, moderiert, Bücher geschrieben, Modekollektionen entworfen und natürlich meine Show Land auf Land ab gespielt. Heute weiß ich, dass das zu viel war.”
Frage: Wie sind Sie aus diesem Kreislauf wieder rausgekommen?
S. Perlinger: “Mit autogenem Training. Damit bin ich nach drei Jahren den Tinnitus losgeworden, obwohl Ärzte vorher gesagt haben, ich müsste mich an das Pfeifen im Ohr gewöhnen.”
Frage: Mussten Sie lange suchen, ehe Sie den für Sie richtigen Heiler gefunden haben?
S. Perlinger: “Nein, zum Glück nicht. Ich drehte gerade ‘Sissi – Die Perlinger-Show’ in Bremen, und Klaus Haag hat damals die Gesundheitswerkstatt von Radio Bremen moderiert. Er brachte mir autogenes Training bei.”
Frage: Was haben Sie da genau gemacht?
S. Perlinger: “Ich habe mich hingelegt und mir Kissen links und rechts an die Ohren gelegt. Durch Selbstsuggestion und die Wärme wird das Innenohr durchblutet. Man hört richtig, wie das Herz laut in den Ohren zu schlagen beginnt. Diese Übung habe ich ganz intensiv gemacht, zwei- bis dreimal am Tag – mit Erfolg.”
Frage: Waren Sie vorher nicht ein bisschen skeptisch, ob Ihnen das helfen wird?
S. Perlinger: “Wissen Sie, ich hatte gar keine Kraft, skeptisch zu sein. Wenn es einem richtig schlecht geht, greift man nach jedem Strohhalm. Das heißt, man ist offen für neues, und deswegen sind Krisen auch heilsam.”
Frage: Was haben Sie seitdem in Ihrem Leben geändert?
S. Perlinger: “Ich konzentriere mich beruflich nur noch auf das, was mir wirklich am Herzen liegt. Und das sind nun mal meine Bühnenprogramme. Dafür kann ich, wenn`s sein muss, rund um die Uhr arbeiten, ohne, dass es stressig wird. Ganz einfach, weil es mir Spaß macht. Und das spürt mein Publikum. Außerdem verarbeite ich erlebtes in meinen Programmen. Sobald eine Phase in meinem Leben abgeschlossen ist, mache ich daraus eine neue Show.”
Frage: Diese Ehrlichkeit kommt an. Ihre aktuelle Show “Singledämmerung” ist in vielen Städten ausverkauft.
S. Perlinger: “Die Menschen spüren, dass ich mit vollem Herzblut dabei bin und weiß, wovon ich rede.”
Frage: Wie stehen Sie als Kabarettistin zur Comedy und zu Leuten wie Mario Barth?
S. Perlinger: “Ich bin einfach nur froh, dass es endlich in Deutschland wieder ein großes Publikum gibt für Humor, und dass es ein vielseitiges Angebot gibt, wo jeder sein Thema reflektiert bekommt. Außerdem sehe ich mich nicht als Kabarettistin, sondern als Entertainerin und Mythen-Erzählerin.”
Frage: Sie halten in Ihren Tetxten den Männern gern mal den Spiegel vor. Oft wurden Sie deshalb schon als männerfeindlich bezeichnet. Sind Sie das?
S. Perlinger: “Ich bin ganz und gar nicht männerfeindlich. Ich habe vielleicht vor 20 Jahren mal einen Witz in dieser Richtung gemacht und das haftet mir nun ewig an. Ich halte den Männern keinen Spiegel vor, sondern ich mache mich selbst zum Deppen. Das allerdings ist, glaube ich, eine typisch weibliche Eigenschaft.”
Frage: Was erwartet die Leute in ihrem neuen Programm?
S. Perlinger: “Ein Vollwaschgang der Emotionen! Meine Show ist Musik, Theater und Stand up-Comedy. Musikalisch biete ich die ganze Bandbreite – von der hochdramatischen Arie über Hip Hop bis zur Heavy Metal-Nummer. Außerdem schlüpfe ich in die verschiedensten Rollen und trage sehr aufwendige, außergewöhnliche Kostüme, die ich selbst entwerfe. Meine Texte erzählen von den Dingen, die ich wirklich erlebt habe. Ich bin dabei sehr persönlich, aber es betrifft dann doch alle im Publikum. Denn wir haben alle die gleichen Ängste und Sehnsüchte. Aber jede Krise ist auch eine neue Chance.”
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